DER STANDARD
Mittwoch, 17. März 1999, Seite 34
Medizin & Fitness


Heimische Wissenschafter setzen auf neue Strahlenbehandlung gegen Tumore

In Österreich soll einzigartiges Krebs-Zentrum entstehen

"Med-Austron" soll um rund eine Milliarde Schilling in Wiener Neustadt gebaut werden

Wiener Neustadt - In Wiener Neustadt soll in den kommenden fünf bis sechs Jahren ein auch international völlig neuartiges Krebs-Forschungs-und Therapiezentrum entstehen. Finanziert werden soll das "Med-Austron" - Kostenpunkt rund eine Milliarde Schilling (72,7 Mio. ), etwa 2000 Patienten pro Jahr - von Wiener Neustadt, dem Land Niederösterreich, dem Bund und privaten Betreibern.

Das Interesse der Österreichischen Gesellschaft für Radioonkologie, vertreten durch Richard Pötter, Vorstand der Uniklinik für Strahlentherapie und Strahlenbiologie am Wiener AKH (siehe Nachgefragt), und Thomas Auberger von der Innsbrucker Uniklinik für Strahlentherapie, gilt dabei der "Hadronentherapie", einem neuen Weg der Krebs-Strahlenbehandlung.

"Hadronen sind eine Gruppe von Elementarteilchen wie Protonen und leichten Ionen", erklärt Auberger dem STANDARD, "die gegenüber der konventionellen Strahlentherapie mit Röntgenstrahlen deutliche Vorteile haben." Weil die Energie der Hadronen unmittelbar an den Tumor abgegeben wird, könne - im Gegensatz zur konventionellen Behandlung - vor und hinter der Geschwulst liegendes gesundes Gewebe optimal geschont werden.

"Im Vergleich zu konventionellen Formen der Strahlentherapie kann eine höhere Strahlendosis verwendet werden", so Auberger, "weil sich die Wirkung der Strahlung erst mit zunehmender Eindringtiefe aufbaut." Auch hätten Kohlenstoff-Ionen bei bestimmten Tumoren eine bis zu dreimal höhere Wirkung als herkömmliche Strahlen.

Geeignet für Kinder

"Eine Hadronen-Therapie", führt Auberger aus, "eignet sich besonders für die Behandlung von Tumoren in unmittelbarer Nähe besonders empfindlicher Organe und für die Therapie von Tumoren, die auf die bisher gebräuchliche Strahlentherapie nicht ausreichend ansprechen." Aber auch für die Behandlung krebskranker Kinder, deren Normalgewebe auf Bestrahlungen noch besonders empfindlich reagiert.

Neue Formen der Strahlentherapie, so die Projektbetreiber, seien schon deshalb dringend nötig, weil heute nur 45 Prozent aller Krebspatienten geheilt würden. "Von den 55 Prozent der Patienten, die nicht geheilt werden, stirbt jeder dritte, weil der Tumor lokal nicht kontrolliert werden kann", rechnet Auberger vor.

Das ehrgeizige Vorhaben, das als Schwesterprojekt der vom Wissenschaftsministerium geplanten Neutronenquelle "Austron" konzipiert wurde und dessen neuartige Technologie im Rahmen der Vorarbeiten für "Austron" im Genfer Kernforschungszentrum CERN entwickelt wurde, soll aber auch der Krebsforschung neue Impulse geben. Denn während die Wirksamkeit der Protonentherapie inzwischen wissenschaftlich gut dokumentiert wurde, ging die Forschung mit Leichtionen eher stiefmütterlich um.

"Leichtionen werden einen Boom erfahren", ist Auberger überzeugt. "Bei bestimmten Krebsformen wie dem Speicheldrüsentumor haben sie einfach eine höhere biologische Wirksamkeit."

"Med-Austron" will deshalb die Wirksamkeit beider Behandlungsmethoden vergleichen. Ein Krebszentrum, das mit beiden Strahlungsarten behandeln kann, gibt es derzeit noch nicht. Neu ist auch die Behandlungsmethode, bei der die Patienten um den Behandlungsstrahl herum bewegt werden. (red)


© DER STANDARD, 17. März 1999
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